Prix Rhæticus

Das, das gibt erst dem Menschen seine ganze Jugend, dass er Fesseln zerreisst !
Hölderlin (1770-1843) in Hyperion (1797-1799)

Georg Joachim Rheticus
(1514-1574)

« ..., aber vor dem geschilderten Hintergrund erscheint uns Rhetikus letztlich doch als ein Weltbürger: Feldkircher und Bregenzer, vermutlich italienischer Herkunft, in deutscher (unverkennbar Vorarlberger) und italienischer Sprache aufgewachsen, sich in seinen Schriften meist der lateinischen Sprache bedienend, aber auch mit einer deutlichen Vorliebe für das Griechische, akademischer Bürger der Universitäten Wittenberg, Leipzig und Prag, auch die Universitäten Wien und Paris wollten ihn haben, einziger Schüler des polnischen Gelehrten Nikolaus Kopernikus und Angehöriger des Hofstaats des polnischen Königs, zuletzt in den Diensten eines ungarischen (slowakischen) Magnaten, somit insgesamt ein europäischer Humanist, der in seinen Vorlesungen aber auch immer ein waches Interesse für die arabischen Naturwissenschaften zeigte und für den auch die in der Ferne liegende schwer erreichbare Neue Welt ein Begriff war. »

Karl Heinz Burmeister: Georg Joachim Rheticus - ein Bregenzer ? in: Montfort - Vierteljahrsschrift für Geschichte und Gegenwart Vorarlbergs - 57. Jahrgang 2005 Heft 4


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Narratio prima (1540)

RHETICUS, Georg Joachim (1514-1574). De libris revolutionum eruditissimi viri...Doctoris Nicolai Copernici… Narratio prima. Gdansk: Franz Rhode, 1540

« [Melanchthons] Kenntnis der neuen These könnte am ehesten auf der 1540/41 erschienenen Narratio prima des Rhetikus beruhen, der, wie wir schon wissen, 1539 von Wittenberg nach Frauenburg gereist war, vielleicht auf Anregung Melanchthons, sicher aber mit seiner Billigung, um die neue Lehre, von der seit etwa 1533 vage Kenntnisse im Umlauf waren, aus erster Hand kennenzulernen. Diese Reise des jungen begeisterten Astronomen war, daran läßt sich kaum zweifeln, motiviert durch das Interesse für das astronomische Studium, zu dem Melanchthon selbst das Fundament gelegt hatte. Aber damit ist die ironische Bedeutung dieser Reise noch nicht erschöpft: Rhetikus kundschaftete nicht nur aus, reportierte nicht nur, sondern er fing Feuer, machte sich zum Vorreiter und ersten Verkünder der neuen Wahrheit, und dies deshalb, weil er in der kopernikanischen Kosmologie die Erfüllung der Voraussetzungen erkannt haben muß, die er im humanistischen Stoizismus des Melanchthon sich zu eigen gemacht hatte. Mit anderen Worten: Rhetikus begriff, daß die Anwendung, die Kopernikus der vertrauten Weltformel von der anthropozentrischen Teleologie gab, diesem Prinzip allein eine stichhaltige Auslegung lieferte und daß die Rechtfertigung der Astronomie als lebensdienlicher Technik es nicht ausschöpfte, sondern in einer unbefriedigenden Vorläufigkeit stehen ließ. Rhetikus hatte den Rückstand des Melanchthon durch seine Begegnung mit Kopernikus in einem Sprunge aufgeholt. ... Denn immer wieder erweist sich dies als die Essenz der geschichtlichen Schritte des Denkens, daß in die Reichweite des Möglichen eintritt, was eben noch als fraglos unerreichbar galt, und daß das derart gerade möglich Gewordene auch sogleich die Dringlichkeit erhält, nun die bis dahin versäumte Bestätigung dessen, was der Mensch sich zutrauen darf, auch zu liefern. »

Hans Blumenberg - Die kopernikanische Wende (1965) - S. 109 und 115

« To the most learned gentleman Dr. Georg Vögelin of Constance, philosopher and physician, both friend and brother, Achilles Pirmin Gasser of Lindau sends greetings.
...
Farewell, my friend, and for my sake laugh off the opinions of the vulgar regarding this matter, since indeed there is no doubt that this new thing will one day be accepted without bitterness by all educated people as something both agreeable and useful.
Feldkirch, Rhaetia, 1540 »


Achilles Pirmin Gasser's letter to Georg Vögelin, published as a preface to the First Account (2nd edition, Basel, 1541)
in: Danielson Dennis - The First Copernican: Georg Joachim Rheticus (Walker Books, 2006)


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Ruf aus Paris (1563)

« Wenn unsere Körper, mein Joachim, dieselbe Freiheit hätten wie unsere Geister, dann bedürfte es dieses Briefes nicht, um Dich in so weiter Ferne und über einen Zwischenraum so vieler Nationen hinweg zu erreichen. Ich würde Dir nicht nur von Angesicht bekannt sein, sondern auch durch Gespräche, Mitteilungen, Freundschaft und Geisteshaltung. Und wenn ich Dich schon nicht persönlich aufsuchen konnte, so habe ich doch mit meinem Geist zu Dir eilen wollen, um Dir in Abwesenheit auseinanderzusetzen, was ich lieber in einem persönlichen Gespräch mit Dir getan hätte.

Ich habe bisher viel in den freien Künsten versucht, um diese auf etwas genauere Art einzig durch das Instrument der Logik aufzurichten.
... »


1563.08.25 Pierre de la Ramée (Paris) an Rhetikus (Krakau)
in: Karl Heinz Burmeister - Georg Joachim Rhetikus (1514-1574). Eine Bio-Bibliographie, Pressler, Wiesbaden, 1967-1968, III S. 172-173